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Von Beton und Schlangen - Ein Traum wird wahr
Ich verstehe bei meinem Hobbys meist keinen Spaß; im Gegenteil:
Ich nehme sie bislang immer sehr ernst! Insofern war es aus meiner Sicht eine
nur logische Konsequenz, dass für meine Strumpfbandnattern neben 16 Terrarien
im Keller selbstredend auch eine Freianlage in unserem kleinen Garten Platz
finden musste. Es ist mir unverständlich wie man das nicht verstehen kann! Aber
im Laufe meiner Arbeiten sollten mir einige dieser merkwürdigen Menschen
begegnen. Nein, weniger die Nachbarschaft; die hat schon vor mir gesponnen! Der
eine Nachbar hält zur Unzeit krähende Zwerghühner, der andere züchtet in 3
riesigen Teichen japanische Koi zur Schlachtreife und der Dritte findet von
hysterischem Gekreische begleitet hin und wieder einen Grasfrosch in seinem
antiseptischen Swimmingpool. Doch so etwas exotisches wie eine
Schlangenfreianlage sorgte selbst in dieser Nachbarschaft geringfügig für
Aufsehen.
Die Planungsphase verlief zermarternd. Jedes Detail musste
sorgsam überlegt und für alle anstehenden Arbeiten nicht nur eben so eine
technisch zufriedenstellende Lösung sondern schlicht die best mögliche aller
Varianten gefunden werden. Natürlich war damit klar, dass ich die Anlage selbst
bauen würde. Kein Handwerker könnte mir die Arbeiten gut genug ausführen, denn
wer könnte sich schon in meine speziellen Wünsche auch nur annähernd
befriedigend eindenken? Doch diese Entscheidung machte mich einsam. Schnell
gaben mir ansonsten wohl gesonnene Menschen - darunter auch meine Frau - zu
verstehen, dass sie nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit waren, über
meine technischen Probleme zu philosophieren und noch weniger, mir eine Lösung
dafür vorzuschlagen. Ich musste lernen, an wen ich meine Anfragen in welcher
Dosis richten konnte; da blieben nicht viele! Das Problem war schlicht:
Zahlreiche der anstehenden Arbeiten hatte ich selbst noch nie durchgeführt und
die technischen Schwierigkeiten, die ich als handwerklicher Laie, der ich
leider nun einmal bin, auf einmal sah, raubten mir viel zu häufig den Schlaf.
Dabei war doch jede noch so kleine Entscheidung so furchteinflößend wichtig;
schließlich sollte die Freianlage nichts geringeres als mein Dasein als
Schlangenhalter für den Rest meines Lebens in eine noch kaum zu erahnende aber bestimmt
selig machende Dimension heben. Es war der erste sehr ernste Prüfstein für mein
Vorhaben, denn: Keiner verstand mich!
Nach einem guten Jahr Planung fühlte ich mich dem Vorhaben zwar
immer noch nicht so recht gewachsen, aber es musste ja nun endlich mal
losgehen; für mich selbst und meine Gesundheit und wegen des in meiner
unmittelbaren Umgebung erzeugten Erwartungsdruckes. Zudem drängte das Frühjahr.
Die Bestellung des Fertigbetons hatte etwas Endgültiges: Jetzt gab es kein
Zurück mehr! Auch das Glas und die Rückwand waren geordert; wehe, wenn ich mich
jetzt vermessen hatte. Wie gut die einjährige Planung war zeigten schon die
ersten noch kleinen Aushubarbeiten: Ich hatte das Volumen des Aushubes
natürlich hoffnungslos unterschätzt. Doch ich war nun nicht mehr aufzuhalten;
die Sache nahm wirklich Gestalt an.
Innerhalb von 2 Wochen veränderte sich das Erscheinungsbild
unserer Einfahrt dramatisch: Zuvor eine biedere mit Knochensteinen ausgelegte
Einfahrt einer Doppelhaushälfte, die mit einem dieser ach so kreativ bemalten
Fertiggaragentore endet, bot sie nun eher den Anblick einer
Nachkriegslandschaft. Statt des bis dato üblichen Tores wurde die Einfahrt nun
von einem reichlich gefüllten 7m3-Baucontainer nahezu unpassierbar
gemacht. Ein sichtlich betagter Betonmischer fand sich in einer planlos
modellierten Landschaft aus 4 Tonnen Sandsteinen wieder. Dazwischen 2 m3
Sand und ein kleiner Hänger, der durch den eilends und überstürzt davor
gestellten Container nicht mehr zu nutzen und zu einem wenig dekorativen
Platzhalter geworden war. Bei geöffnetem Garagentor bot das Arrangement aus
über 120 Säcken Fertigbeton, einem Bündel rostender 8mm-Armierungseisen, 2
verbeulten Schubkarren, einer Werkzeugecke, einem aufgerissenen Paket
Styroporplatten und zahllosen Kleinteilen den Anblick eines vermeintlich
chaotisch geführten Minibauhofes. Gute Freunde - und nur solche schreckte der
Anblick unsere Einfahrt nicht ab - mussten sich durch einen schmalen Korridor
zwischen den verdreckten Seitenwänden des Containers und den mit olfaktorischen
Genüssen lockenden Mülltonnen in einem Hürdenlauf über Steine als
Geschicklichkeitstest einen Weg zu unserem verbarrikadierten Haus bahnen. Zu
dieser Zeit hatten wir angenehm wenig Besuch!
Auch die Kinder hatten ihrem Spaß. Von ihrem baugestressten Vater
barsch aus dem Garten verbannt bot der ”Dreckberg” im Container alles, was das
Kinderherz zum Schmuddeln braucht. Während zahlloser Schatzsuchen im Erdaushub
genossen es die Kinder, aus erhöhter Sicht grölend alle Passanten mit einer
ungewollt verstreuten Ladung Erde zu begrüßen. Ich bilde mir ein, dass die
Sitte der meisten Anwohner, unser Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite
zu umlaufen, aus jenen Tagen stammt und nichts mit meinem Schlangenhobby oder
dem Schild ”Vorsicht freilaufender Python” am Eingangstor zu tun hat. Ihren
Beitrag dazu lieferten sicherlich auch die Heerscharen von Gastkindern, die den
Dreckberg oft flächendeckend besiedelten. Unzählige Eimer voll Wasser wurden im
Rahmen von ”Jugend forscht” bei Versickerungsexperimenten in den Container
entleert. Ich übersah dabei geflissentlich, dass die Entsorgung des Aushubs
nach Gewicht berechnet wurde; ungestörtes Arbeiten hat eben seinen Preis.
Abends fanden wir dann sehr zur Freude der Hausfrau nach dem Entleeren der
Gummistiefel in der Diele kleine detailgetreue Nachbildungen des großen
Originaldreckberges in der Einfahrt.
Und es kam, wie es kommen musste: Das Familienoberhaupt hatte
nicht nur den Aushub sondern auch die gesamte Dimension der angegliederten
Terrassenumgestaltung unterschätzt. Meine Mitmenschen behaupten, dass ich in
derartigen Stresssituationen unausstehlich würde. Selbstverständlich war dem
nicht so! Aber dennoch nahm meine Familie reißaus und mietete sich für eine
Woche in einem Familienurlaubsdorf ein. Mir gänzlich unverständlich wurden die
Kosten dafür von meiner Frau in der Endabrechnung als Folgekosten des
Terrarienbaus deklariert. Wie dem auch sei: In dieser Woche kam der Bau gut
voran, mein körperlicher Zustand verhielt sich dazu umgekehrt proportional,
doch mein Gemütszustand besserte sich allmählich wieder. Daher brachte es mich
auch nicht mehr aus der Fassung, dass meine Familie nach ihrer Rückkehr nur
meinte: "Hier sieht es ja aus wie vor einer Woche!” Ich bin wohlwollend
bis heute der Überzeugung, dass diese Aussage die pure Ironie war.
Die Schlangenfreianlage war soweit endlich fertig gestellt und
ich fieberte dem Tag X entgegen, da die Tiere ihre neue Heimat beziehen
sollten. Um meine Frau für ihre Geduld mit mir und dem Bau zu ehren und um mir
ein für alle Zeit markantes Datum für dieses einzigartige Ereignis zu sichern,
wählte ich ihren 40. Geburtstag. Höflich wartete ich die Gratulationsrunde der
Kinder und das Auspacken der Geschenke ab. Dann kam meine Bescherung. Die z.T.
seit über 1 Jahr auf diesen Tag vorbereiteten Strumpfband-, Würfel- und
Ringelnattern wurden in einer kleinen Feierstunde in die Freianlage gesetzt. La
ola wurde von meiner Familie initiiert, aber von mir aufgrund einsetzender
Fluchtreaktionen der Tiere alsbald wieder höflich aber bestimmt unterbunden.
All meine Phantasien über Schlangen in naturidentischer Umgebung
sollten sich nun konkretisieren. Ich hegte bislang hohe bis höchste Erwartungen
an Möglichkeiten der Beobachtung und zum Fotografieren. Bilder von sich in
aller Ruhe vor Makrolinsen sonnenden Schlangen in allen wünschenswerten Posen
waren in meiner Vorstellung dominierend. Doch es kam alles anders: Frust pur
war in den ersten Wochen angesagt. Die Tiere zeigten sich äußerst undankbar,
hatte ich doch ihretwegen neben nicht unbeträchtlichen Kosten auch sehr viel
körperliche Unbill auf mich genommen und mein Familienleben wegen meines Hobbys
in einer bis dato ungekannten Dimension belastet. Kaum ein Tier ließ sich blicken
und noch peinlicher: Vor allem den sich nach und nach einladenden Gästen war
ihre Enttäuschung anzusehen, wenn sich von 20 Schlangen nur 1 adultes Weibchen
von ihrem Besuch unbeeindruckt zeigte. Alle anderen nutzten die sehr üppig
eingerichteten Versteckmöglichkeiten. Natürlich wusste ich, dass die Schlangen
ihre Zeit in der neuen Anlage brauchten; dennoch hätten sie mir das nicht antun
müssen.
Viel zu langsam und viel zu allmählich stellte sich den Sommer
über Normalität im Freiterrarium ein. Heute, wenn ich von der Schule nach Hause
komme und meine Freianlage bereits beginnt in den Kernschatten des Hauses
einzutreten, berichten mir meine Kinder gleich nach einem liebevollen ”Hallo
Papa!” mit anschließender Umarmung was sie gesehen haben. Mein Ältester (1.
Schuljahr!) schreibt mir immer Artlisten mit z.B. ”damofis brokimus”, ”damofis
semifasadus”, "damofis ratichs” oder ”die Swaze”, die ich -
nach der neuen Rechtschreibung überarbeitet - dann nicht ohne Stolz in mein
eigens für die Freianlage angeschafftes 200-seitiges Beobachtungsbuch
übernehme. Selbst meine Frau kann inzwischen eine Thamnophis marcianus
von einer Thamnophis radix anhand eines nur kleinen Körperausschnittes
auf drei Meter Entfernung unterscheiden. Mit Zimmerterrarien alleine hätte ich
das nie geschafft!
First published under: HALLMEN
M. (2000): Von Beton und Schlangen - Ein Traum wird wahr. - THE GARTER SNAKE,
4/00: 42-45.
© 2003 by Martin Hallmen